Die Wärme schien den alten Mann zu umfließen wie Petersilie im Abendrot. Doch er ließ sich nicht abbringen. "Dieser Bengt! Immer kommt er zu spät zur Arbeit!"
Missmutig schaufelte er auch noch den letzten Rest Kohle in den Hochofen der Leichenverbrennungsanlage. Heute musste gut vorgeheizt werden. Ein Massenunglück in der Bäckerei um die Ecke hatte ein gutes Dutzend Opfer gefordert, die alle dem Brauchtum nach verbrannt werden sollten.

Bengt van Kuppen, der Neue, schlief ruhig in seinem Beistellbett.

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Bengt war auf so etwas noch nicht vorbereitet gewesen. Er hatte zwar schon vieles gesehen, aber seine Ausbildung bei der Leichenverbrennungsanlage hatte er sich einfacher vorgestellt. Glücklicherweise hatte er von seinem neuen Freund auf der Arbeit, Garbor, schon einen guten Trick gelernt: "Immer mit geschlossenen Augen arbeiten, Bengt, immer!!!!"
So kam es dann, das Bengt sich an diesem schicksalsschwangeren Donnerstag auf den Weg zur Arbeit machte.

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Wie üblich schlich er sich durch den Hinterhof über den Abwasserkanal zur Russklappe des Verbrennungsofens hinein, wie üblich erschien er bereits in kompletter Arbeitsmontur vor den Augen seines ungläubigen Bosses Arwed Schlickmurler in der Leichenvorbereitungshalle. Wie üblich wunderte sich Schlickmurler zwar darüber, wie Bengt vor Ihm dorthin gekommen war und, wie üblich, vergaß er darüber den Ärger Über Bengts wiederholtes zu spät kommen. Bengt wusste das und konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
Wie üblich.

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Arwed sah ihn noch einmal verdutzt an und schickte ihn dann rüber zu Garbor.
"Ahh Bengt, da bist du ja endlich. Ich warte schon seit 4 Minuten auf dich."
"Häh, was wieso denn... ich"
"Ist schon okay. jezz lass uns in den Kühlraum gehen, wir müssen die Leichen holen." Und schon verschwunden die beiden in den tieferen Gefilden der Anlage, denn der Kühlraum lag im 23. Untergeschoss.

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"Was ist denn überhaupt los? Wieso rennt Arwed rum wie ein aufgescheuchtes Huhn? Hat er bemerkt, dass ich zu spät gekommen bin?"
"Hast du noch nichts davon gehört? Heute ist unser großer Tag."
Bengt schien verdutzt.
"Du hast doch sicher von der Explosion in der Bäckerei gegenüber gehört. Pansel hatte sich beim Teig zubereiten eine Zigarette angezündet. Mehlstaubwolke. Paff. Gasbackofen. Bumm. 74 Tote. Die Leute stehen doch immer Schlange bei Pansels Backstube."

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"Heidernei, und ich wollte doch heute n bissl früher weg. Du hast doch gesagt, wir würden mal wieder ne Runde Skat spielen bei Herrn Krokodil?"
"Tja, mein lieber Bengt... daraus wird heute nix. Wir werden uns erstmal.... Moment was ist das? Ich glaube der Fahrstuhl ist stecken geblieben"
Die beiden waren auf einmal ganz ruhig. Nichts bewegt sich. Nur ihren Atem konnten sie schon sehen - je weiter man in Richtung Kühlraum gelangte, desto kälter wurde es. Bengt war ein wenig gedankenverloren und überlegte, was man nun machen sollte, als er bemerkte, wie Garbor anfing an der Fahrstuhlelektronik rumzuwursteln.
"Mensch, Garbor, pass auf!"
Garbor zuckte zusammen und ließ augenblicklich die Haarspange fallen, mit der er bereits große Teile der Schaltplatine des Fahrstuhls zerlegt hatte.

"Was?!"
Bengt strich Garbor mit der Hand über den Nacken.
"Was machst du denn da! Was soll das! Ich versuche mich hier zu konzentrieren!"
Bengt wurde kleinlaut: "Da war 'ne Spinne!"
"So, Schluss mit diesen Scherzen. Schau mal hier, Bengt, die Zündkerze ist ja auch im Eimer. Kein Wunder, dass der Fahrstuhl nicht mehr läuft."
"Und jetzt?"
"Na, immer ruhig Blut, kleiner Mann. Du bist doch heute zu spät gekommen..."
"Ja, und?" Bengt schaute sich nervös um.
"Da hast du doch sicherlich wieder keine Zeit gefunden, dich richtig zu waschen. Hab' ich Recht?"
Bengts Gesichtszüge schienen zu entgleisen und gerade, als er Etwas entgegnen wollte, fiel ihm Garbor bereits ins Wort: "Genau das, was wir brauchen. Hier! Nimm mein Taschentuch und hol soviel Ohrenschmalz aus deinen Ohren, wie du kannst."
Ohne viel Federlesen darum zu machen, tat Bengt, wie ihm geheißen. Er reichte Garbor das gesättigte Tuch und beobachtete ihn dabei, wie er fachmännisch Teile des Schmalzes auf Zündkerzenkopf und Lötstellen der Platine verteilten. Nachdem er alles mit ein wenig Spucke und Bindfaden fixiert hatte, schob er die komplette Elektronik wieder in den Fahrstuhlverteilerkasten und alles sah so aus wie vorher.

"Na los, Sportsfreund. Probier's mal."

Zögerlich näherte sich Bengts Finger dem 23. Etagenknopf.

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Arwed hörte einen lauten Knall, drehte sich um und konnte sich grade noch ducken, bevor ihm Teile der Fahrstuhltür den Kopf vom Hals gesägt hätten.

"Wo sind wir Garbor?"
"Hmm, weiß nicht genau? Bist du verletzt?"
"Nein"
"Gut." Garbor fasst sich an die linke Schläfe und dachte nach
"Also... so wie es aussieht, hat die exotherme Reaktion von Haarklammer, Schweiß, Ohrenschmalz und einigen Tausend Megawatt Strom ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum aufgetan...."
"Und was bedeutet das."
"Das, lieber Bengt, bedeutet... dass wir in einer parallelen Dimension gelandet sind!"

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Filigrane Rauchsäulen waberten vom Boden empor und verdüsterten die ohnehin schon unheimliche Umgebung, in der Bengt und Garbor gelandet waren. Der Duft frischgebackenen Brotes stieg Bengt in die Nase. Instinktiv bekam er Hunger und sein Magen dankte es ihm mit einer ausgewaschenen Peristaltik. "Riechst du das auch, Garbor? Ganz frisches Brot! Ich habe Hunger, verdammt noch mal."
Garbor lachte schallend. "Sportsfreund, ich will dir ja nicht gleich den Appetit verderben. Weißt du, was du da riechst?"
"N-n-ein."
Garbor packte Bengt grob an den Schultern und riss ihn zur Seite.
"Es sind die Bäckereiunglücksleichen. Die riechen so. Kapiert?"
Bengt wurde speiübel und sein Magen begann sich erneut zu verkrampfen. Diesmal war es schmerzhaft. "Die sind über und über mit Mehlstaub bedeckt gewesen, als die zweite Explosion in der Backstube große Teile von denen verbrannt hat. Kein Wunder, dass die wie frische Brötchen stinken. Ein gutes hat es: allein der Geruch beweist, dass wir uns in einer Parallelwelt befinden müssen und nicht TOT sind oder ähnliches."
"Ja, aber. W-w-was.."

Garbor holte aus und schlug ihm mit der flachen Hand brutal ins Gesicht.
"REISS DICH AM RIEMEN! Einen Jammerlappen an meiner Seite kann ich jetzt schon gar nicht gebrauchen. Schauen wir uns erstmal um. Hier, dein Taschentuch. Nimm es zurück und wisch dir die Tränen aus dem Gesicht, Junge!"

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"Okay Bengt, dann wollen wir mal. Siehst du diesen Gang der sich nach 100 Metern nach links biegt? Da gehen wir jetzt erstmal lang!"
"Hmm, ich weiß ja nich, aber okay. Was soll’s, wir haben ja kaum eine andere Wahl."
Garbor und Bengt liefen grade los, als sie seltsame Geräusche aus Der Richtung, in der der Gang verlief, hören konnten. Garbor bedeutete Bengt einen Augenblick still zu verharren und hörte genau hin.

".... I stab'ba nigger in the chest wit a pitchfork from behind....... I'm labeled as a bad character.... no matta whata do, I'm labeled as a bad character..."

"Hey Bengt, sag mal... ist das nicht Madlib? Ich meine von der Unseen LP?"
"Doch, doch... hmm, scheint ne seltsame Dimension zu sein, wenn die hier Madlib hören. Lass uns mal hingehen." Grade als sie um die Ecke biegen wollten und die Musik immer lauter wurde, kam ein Mann um die Ecke. Er war schwarz, hatte Cornrows und einen weiten FUBU Sweater an. In seiner Hand glühte ein Blunt. Es war Madlib.

"Wassnlosn ihr beiden? Hmmm, noch nie n Schwarzen gesehen oder was? Hää? Mukke zu laut?"

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Madlib zog noch einmal genuesslich an seinem Rauchwerk, ehe er sich behende zwanzig mal um die eigene Achse drehte und in einer Öffnung im Steinwerk des Ganges verschwand.
"Wo ist er hin?"
"Ich weiß nicht, lass uns mal nachschauen.", schlug Garbor vor.
"Wenn wir länger hier rumstehen und nichtstun wird uns das auch nicht weiterbringen."
Er deutete in die entgegengesetzte Richtung, aus der sie gekommen waren. Der Gang verlor sich in einer dunklen Unendlichkeit, die in den Beiden ein Unwohlbehagen auslöste.

"Da geh' ich jedenfalls nicht weiter runter. Lass uns einfach mal durch die Öffnung schlüpfen und schauen, was Madlib so treibt."
"Okay." Bengt klang alles andere als überzeugt, doch als er in den versteckten Abzweig des Ganges spähte erblickte er ein Häufchen glühender Asche am Boden.
"Garbor, schau! Wir folgen einfach der glühenden Asche! Das ist es! Madlib wird uns nicht entwischen." Garbor zwängte sich durch die Öffnung und reckte seinen Hals. Er schloss seine Augen und atmete tief durch die Nase ein. Nun regte er sich für einige Sekunden nicht, die Bengt wie eine Ewigkeit vorkamen. Garbor verharrte noch ein wenig, ehe er alsbald ausatmete und Bengt wissend ansah.
"Ich brauche die Aschespur nicht. Wir folgen dem Marijuanaduft."
Der Weg, den sie einschlugen, war beschwerlicher, als angenommen. Es wurde immer feuchter und dunkler. Die glühenden Aschehäufchen waren schon nicht mehr mit dem bloßen Auge wahrzunehmen und sie mussten sich auf Garbors feinen Geruchssinn verlassen.

Geschickt führte sie Garbors Nase in die entlegensten Winkel der labyrinthartig angelegten Gangstruktur. Bengt konnte teilweise merkwürdig fluoreszierende Insekten an der niedrigen Deckenwand ausmachen, manchmal waren diese die einzigen visuellen Anhaltspunkte, die sie ausmachen konnten. Es war inzwischen so dunkel um die beiden geworden, dass sie ihre eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen konnten. Sie waren schon weit das an eine Umkehr war nicht mehr zu denken war, als sich die Gangstruktur um sie herum verjüngte und kaum mehr Platz zum Laufen ließ. Der Boden wurde zunehmend feuchter und glitschiger und Bengt bemerkte, wie er zu Schwitzen begann. Eine beinahe tropische Hitze schien sich auszubreiten, je weiter sie voranschritten. Garbor hatte bis hierher kein Wort gesprochen. Unvermittelt hielt er inne, blickte sich um und sagte, von Bengt abgewandt: "Madlib."

Er wiederholte dies einige Male und setzte sich dann auf den feuchten Boden.
"Er wird kommen. Er ist im Gestein."
Bengt konnte nichts erwidern. Er dachte an seine Schwester und die Zwillinge. Er erinnerte sich an das Riesenrad, er sah den kleinen Teddybär vor sich, den er zu seinem achten Geburtstag von seiner Gouvernante geschenkt bekommen hatte. Er schmeckte Salz auf seiner Zunge, dann Erdbeermarmelade. Er war erschöpft, fühlte sich aber gleichzeitig kräftig genug, um Züge entgleisen zu lassen. Bengt wusste nicht weiter. Garbor. Garbor. Garbor, dachte Bengt. Er wird wissen, was geschieht. Plötzlich wurden beide von einer Wolke kräuterartigem Duftes umhüllt, der Bengts Gedanken unmittelbar zu beeinflussen begann.

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Madlib. Er war wieder da. Er kam direkt hinter dem schweren, roten vorhang hervor, den Garbor und Bengt vorher gar nicht bemerkt hatten. "Kommt rein ihr Knalltüten... macht schon, oder wollt ihr den ganzen Tag auf diesem nassen Boden rumhocken?"
Sie folgten ihm hinter den Vorhang und kamen in einen kleinen Gang, der nicht mal 10 Meter lang war. Madlib öffnete die Tür am anderen Ende des Gangs und bat sie herein. Was sie hier sahen, verwunderte sie ein weiteres Mal.
"Wo sind wir denn hier gelandet? Ich glaub ich werd verrückt.", sagte Bengt und sah erst Garbor und dann Madlib an.
"Hey Mad, willste mir nicht unsere Besucher vorstellen?"
"Oh ja, sorry.. hmm, Moment... Du, du bist Bengt nicht war? Und du musst Garbor sein. Ja, genau. Und der Typ da an dem Tisch, mit dem Thunfisch-Sandwich in der Hand - das ist Beck. Wir machen grade zusammen an nem neuen Album rum."
Garbor und Bengt sahen sich verwundert an. Wo waren sie nur gelandet? Garbor musste grinsen. Er war offensichtlich in einer Zwischendimension oder etwas ähnlichem gelandet. Nun standen er und sein Arbeitskollege Bengt mitten in einem Studiovorraum und Madlib und Beck waren auch hier. Und sie redeten auf einmal los.
Und redeten und redeten. Von ihrer Platte. Von ihrem Album. Von ihrer Symbiose aus Hiphop und Gitarre, wie es sie noch nie gegeben hatte. Obwohl es ja an sich nicht wirklich Hiphop beinhalten würde, sagte Madlib immer wieder, es wäre nur so, dass er ja eigentlich Hiphop Produzent, DJ und MC wäre... aber diese Platte mit Beck würde eher die spirituelle Seite von Hiphop berühren. Beck würde schon seine Musik, wie auf der kürzlich erschienen "Sea Change" machen, aber "anders".

"Versteht ihr? Einen ganz anderen Stellenwert der Musik betrachtend, wird dieses Mal eine ECHTE Tür zur Seele aufgestoßen. Deswegen seid ihr hier. Ihr müsst uns helfen.", sagte Beck überschwänglich, obwohl er grade einen großen Bissen seines Sandwiches genommen hatte. "Bengt, ich weiß, dass du schon immer am komponieren warst... du hast es aber vor ein paar Jahren aufgegeben... warum nur?"

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Bengt wurde schwindelig. Er versuchte sich daran zu erinnern, jemals etwas Musikalisches von sich gegeben zu haben, vermochte aber nicht, seine Gedanken zu ordnen. Hatte er wirklich schon einmal komponiert? Seine Eltern hatten ihm doch immer und immer wieder vorgehalten, er sei "so nmusikalisch wie ein Stück Holz". Er rieb seine Schläfen und blickte Garbor unsicher an.
Seit sie diese beiden merkwürdigen Musiker in ihrem Übungsraum angetroffen hatten, hatte Bengt keinen Mucks mehr von sich gegeben. Er war sichtlich verstört und die Situation hätte nicht schlimmer werden können, als der hagere Kerl, den der Schwarze als Beck vorgestellt hatte, in eine Schublade griff, einige Notenblätter herausnahm und diese Bengt überreichte.

"Hier, na los! Du hast die Melodie im Kopf. Schreib' sie nieder... Es wird das abschließende Stück auf unserer LP." Bengt stand wie versteinert da. Madlib blickte ihn erwartungsvoll an.
Dies wäre der Moment gewesen, alles aufzuklären, doch Bengt blieben die Worte aus. Er verstummte vollends. Sein Mund schien wie mit Watte gepolstert und sein Gaumen kratzte. Ihm war fast so, als ob er völlig ausgedörrt wäre. Er konnte sich auch nicht mehr konzentrieren und scharrte daher mit seinen Füssen auf dem glatten Parkettboden des Studios hin und her. Er fühlte sich fiebrig.

"Hör zu, du verdammter Bengel. Wir W I S S E N, dass du unser Stück in dir trägst. Gib es heraus!" spie ihn Beck an. Garbor bemerkte nun etwas Katzenhaftes an Beck, was ihm zuvor nicht aufgefallen war.
"Das Lied! Das Lied!" raunte Madlib, der sich inzwischen hinter Bengt postiert hatte und eindeutige Bewegungen mit seinen Hüften ausführte. Bengt konnte sich nicht von der Stelle rühren. Er sah direkt in Becks grünlich schimmernden Augen, betrachtete schmale Lippen, die bedrohliche Worte formten, vernahm aber nur unangenehme Zischlaute. Hinter seinem Rücken konnte er die Präsenz des anderen spüren und er stand Todessängste aus. Garbor schienen die beiden Musiker nicht mehr zu beachten. Sie hatten Bengt eingekreist und umringten ihn, wie Löwen eine verwundete Gazelle.

Bengt zitterte am ganzen Leib und sein linkes Augenlid fing an, nervös zu zucken. Erst jetzt fiel Garbor auf, dass Bengt in einer Art Kreis stand, der auf dem Parkettboden mittels eines unidentifizierbaren Pulvers ausgestreut war, nich unähnlich eines Pentagramms. Das Pulver lag jedoch nicht einfach so auf dem Belag des Bodens, sondern war auf wundersame Weise in ständiger Bewegung. Garbor konnte beobachten, wie kleinste Partikel des Pulverstaubs emporstiegen und sich ihren Weg in Bengts Mund, Ohren und Augen bahnten. Einen kurzen Augenblick war er fasziniert von diesem Schauspiel, der Staub, Madlib und Beck, wie sie wie wild um Bengt herumtanzten, und Bengt, schweißgebadet und zitternd.

Garbor schüttelte seinen Kopf. Etwas musste geschehen.

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Er ließ die beiden um Bengt herum tanzen und ging zum Schreibtisch, der an der Südwand des Raumes stand und setzte sich in den großen, ledernen Bürostuhl. Dann kramte er in dem linken oberen Schubfach herum und nahm eine Phillies aus der Box.
"Erstma einen rauchen Jungs... und dann erzählt ihr uns mal ganz fix, warum wir hier gelandet sind, was die ganze Kacke mit den Leichen soll und was für ein Lied mein Freund Bengt in seinem Kopf haben soll... okay?"
Der Staub fiel zu Boden und Madlib kam langsam näher. Er war jetzt bis auf wenige Zentimeter an Garbor hergekommen, nahm ihm langsam die Phillies aus der Hand und sagte ruhig: "Recht hatter... aber ich würde lieber eine Sweets rauchen." Beck griff in die Innentasche seines Cord-Sakkos und warf Garbor eine Sweets zu. "Da - mach was draus. Grass iss inner zweiten Schublade."

Bengt war kreidebleich. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und nestelte eine Zigarette aus seiner Brusttasche. Madlib gab ihm Feuer.
"Hmm, tut uns leid. Wir wollten euch nicht verschrecken. Die ganze Sache ist ein wenig komplizierter, aber ich fang mal an. Vor drei Wochen hatte ich einen seltsamen Traum: Ich habe von Musik geträumt. Genauer gesagt, von einer Melodie. Ich wache auf, gehe ins Bad und da steht etwas auf meinen Badezimmerspiegel geschrieben: 'Beck Hansen - 555-111-56934' und das in meiner Handschrift. Ich konnte mich allerdings nicht erinnere, das da rangeschrieben zu haben. Ausserdem hatte ich ja Becks Nummer garnicht. Kurz darauf klingelte das Telefon - Beck war dran."

Garbor warf Bengt einen fragenden Blick zu.
"So, da habt ihr also voneinander geträumt. Und?"
"Ja, Mann, weisste! Ich wollte Beck anrufen. Und der war schon dran! Verstehste?"
Beck nickte. Garbor und Bengt blickten immer noch verständnislos drein.
"Was hat das alles mit uns zu tun?", fragte Garbor.
Beck schob sich zwischen die drei und begann zu erzählen: "Es ist eine Raum-Zeit-Konstellation. Alles ist vorherbestimmt. Sicher habt ihr beiden bemerkt, dass ihr euch nicht mehr in der Realität befindet. Vielmehr bewegen wir uns zeitlos in einem Traumgefüge, aus dem es keine Flucht gibt. Bis wir das Vorherbestimmte Ziel erreicht haben."

Mit diesen Worten schloss Beck und setzte sich auf einen klapprigen Bürostuhl in der Ecke des Studios, nahm seine Gitarre und zupfte entspannt an einigen Saiten. Madlib legte den Arm um Garbors Schulter. "Sieh mal, Garb. Dein Freund Bengt hier trägt einen Song in sich. Er weiß es nur nicht. Wir wissen es. Das Porakel hat es uns durch den Pilznebel gesagt."
"Das Porakel."
"Ja, ich habe Beck ja nicht zufällig hier in dieser Traumdimension getroffen.. Hat alles das Porakel arrangiert. Ich muss mein Album fertig stellen. Beck auch. Ich meine, das is' unser Album, verstehste?" „Hmmhmm." Garbor blickte hinüber zu Bengt. Der arme Junge war noch immer ganz verwirrt.

"Wo ist das Porakel? Ich würde gerne mal ein paar Worte mit diesem 'Porakel' wechseln.", sagte Garbor. Madlib riss die Augen weit auf.
"Jaaaa. Jaaaaa! Gute Idee, Mann.. Das is' guuuut! Dann bekommen wir endlich Antworten.. Der Song is' wichtig! Du hast es echt drauf, Bruder!" Er nahm einen tiefen Zug von seinem Joint und bot auch Beck etwas an. Dieser beachtete ihn jedoch nicht.

"Ich weiss, wo sich das Porakel befindet."
Alle schauten zu Bengt.
"Ich weiss, wo es sich befindet." wiederholte Bengt und trat ruhig in die Mitte des Raumes.

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„Klatscht in die Hände, 4/4 Takt bitte.“, sagte Bengt seelenruhig. Er kniete nieder, wusch seine Hände in dem Staub des Bodens und richtete sich mit einem lauten Knacken seiner Kniegelenke wieder auf.
Die drei fingen an zu klatschen, Madlib ließ den Joint aus dem Mundwinkel auf den Boden fallen und schien die Augen halb zu schließen.
Bengt fing an sich zu schütteln, als ob er einen epileptischen Anfall bekommen würde und Garbor zuckte zusammen – Beck bedeutete ihm jedoch ruhig zu bleiben.

„Ashhhhkammmawowa un jee hee“ schrie Bengt und fiel zu Boden.
Er zuckte und warf sich herum, schrak hoch und schüttelte sich wieder. Dann wieder dieser Ausruf: „Ashhhhkammmawowa un jee hee!“ Immer wieder, immer wieder.

Nach den längsten 30 Sekunden, die Beck, Madlib und Garbor jemals erlebt hatten, blieb Bengt regungslos auf dem kalten Boden liegen – sein Atem ging sehr flach. Wie erstarrt blickten die Männer auf den Körper als Plötzlich an der Wand hinter ihnen ein Klopfen zu hören war. Sie drehten sich langsam um und sahen, das da, wo vorher nur eine Wand war, eine einfache Eichentür eingefasst war. Beck sah die anderen an und zeigte auf Garbor.

„Du machst auf!“

Wie befohlen trat Garbor zur Tür und öffnete die Tür mit einer raschen Bewegung.
„Tach auch, Porakel mein Name – wat gibbet Jungens? Ich mach grade Mittag.“
Herein trat eine Frau, Mitte dreißig, die erstaunliche Ähnlichkeit mit Sheryl Crow hatte, nur war ihr Haar grell-rot und sie trug eine Brille von Gucci.

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"Es gibt da dieses Problem.“ liess Madlib verlauten. Indes hatte sich Frau Porakel hinter Garbor geschlichen und strich ihm sanft über den Rücken.
„Na, wen ham wa denn da? Jut jebaut biste aber schon, der Herr!“ Abrupt liess sie von ihm ab und wandte sich geschickt an die im Raum befindlichen Personen.
„Natürlich weiss ich von eurem ‚Problem’. Es hat sich bereits in Wohlgefallen aufgelöst. Eure Nichtigkeiten langweilen mich inzwischen und ich hab meine Mettwurststulle im Briefkasten vergessen. Und jetzt is Mittach!“
„Was ist denn jetzt mit dem fehlenden Track auf unserem Album?“
Beck blickte Frau Porakel flehend an. Sheryl Porakels Augen blitzen eisig durch die monströse Gucci-Brille. „Ihr wisst nichts, nicht wahr?“
Sie hob ihre linke Hand und bliess eine Wolke purpurnen Staubs in den Raum.
Bengt sah, wie Garbor, Madlib und Beck in Zeitlupe zu Boden fielen. Wie Marionetten lagen sie da, denen man die Führungssehnen gekappt hatte. Er selbst schien beinahe zu schweben, als sich der Studioraum um ihn herum auflöste.

Ein grelles Licht blendete Bengts Augen. Er blickte nach oben. Neonröhren. Bengt stand inmitten einer Musikabteilung. Im war noch immer etwas benommen zumute. Scheinbar hatte er wieder einen dieser Aussetzer gehabt, an die er sich nicht erinnern konnte. Er war in der Abteilung ‚RnB/Hip-Hop/Black Music Charts’ und hielt eine Doppel-CD in den Händen: ‚Becklib – Songs from the Cave-Lab’
Der letzte Titel war ‚B’ und ‚G’ gewidmet. Bengt zuckte mit den Schultern, ging langsam zur Kasse um zu Bezahlen und wischte sich beiläufig etwas purpurnen Staub von seiner Schulter.




- Dr. Focks & Dr. Klaus Feratu, Berlin 2004. Aus den verschollenen Tagebüchern der Hasenpharmer.